Wir denken bei Gleichgewicht oft daran, ruhig und stabil zu stehen. Aber im Alltag ist unser Körper selten vollkommen ruhig. Wir gehen über unebenen Boden, drehen uns um, weichen einem Hindernis aus, stolpern über eine Stufe oder verlieren bei schnellem Richtungswechsel kurz den sicheren Stand.
Das heisst, Schwanken gehört mit zur Balance dazu. Wir müssen auf Veränderungen schnell und passend reagieren können.
Ein kleiner Test: Rückwärtsgehen:
Eine interessante Möglichkeit, das eigene Gleichgewichtssystem herauszufordern, ist das Rückwärtsgehen. Markiere dir eine Strecke von etwa 3 Metern. Stelle dich an die eine Linie und gehe langsam rückwärts bis zur anderen. Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell zu sein. Beobachte viel mehr:
- musst du nach hinten zu schauen?
- werden die Schritte kleiner oder unsicherer?
- schwankst du deutlich zu einer Seite?
- verlierst du deinen natürlichen Armschwung?
- brauchst du ungewöhnlich viel Konzentration?
Rückwärtsgehen ist anspruchsvoll, weil die visuelle Information über den Weg vor dir nicht zur Verfügung steht. Dein Körper muss sich stärker auf andere Informationen verlassen, unter anderem auf Gleichgewichtssinn, Propriozeption und die Informationen aus den Füßen.
Beim Gleichgewicht ist nicht allein entscheidend, wie schnell du eine Strecke bewältigst, genauso wichtig ist, wie du dich dabei bewegst. Ein sicherer Gang ist anpassungsfähig. Wenn sich die Umgebung verändert, verändert sich deine Bewegung, der Körper reagiert auf die kleinsten Reize. Das gilt zum Beispiel auch, auf das Auffangen beim Stolpern.
Wenn unser Körperschwerpunkt plötzlich aus der sicheren Position gerät, stehen uns verschieden Strategien zur Verfügung: Wir können über das Sprunggelenk reagieren, die Hüfte einsetzen, einen schnellen Schritt machen oder uns gegebenenfalls festhalten. Diese Reaktionen müssen nicht besonders stark sein, sie müssen vor allem rechtzeitig kommen.
Manchmal entscheidet eine schnelle Reaktion innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde darüber, ob wir einen Schritt machen und unser Gleichgewicht wiederfinden oder tatsächlich stürzen.
Eine zweite Übung: Deine persönliche Schwankbreite:
Auch deine sogenannte Schwankbreite lässt sich ganz einfach erfahren. Stelle dich sicher hin, die Füße etwa hüftbreit auseinander. Dein Körper bleibt dabei aufgerichtet.
Verlagere nun dein Gewicht langsam:
- nach vorne
- nach hinten
- nach rechts
- nach links
Wie weit kannst du dich bewegen, bevor dein Körper eine deutliche Korrektur einleiten muss?
Diese Bewegungsreserve ist individuell und hängt unter anderem davon ab, wie gut verschiedene Informationen aus Augen, Gleichgewichtssinn, Körper und Füßen zusammenarbeiten.
Du musst nicht erst dein Gleichgewicht trainieren, wenn es bereits unsicher geworden ist. Du kannst dein Nervensystem immer wieder mit kleinen, kontrollierten Herausforderungen beschäftigen.
Rückwärtsgehen, Gewichtsverlagerungen, Richtungswechsel, unterschiedliche Untergründe, schnelle Schritte….
Nicht möglichst schwierig, sondern so, dass du die Bewegung noch sicher kontrollieren kannst. Denn Gleichgewicht ist keine statische Fähigkeit. Es ist die Fähigkeit, Bewegung zu organisieren, Veränderungen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Und das lässt sich immer trainieren!
Du möchtest mehr tun? Dann schau doch mal in die anderen Blogtexte, zum Beispiel: Mut zu Sprüngen, warum Blicksprünge unser Gleichgewicht stärken!
oder: Riech dich ins Gleichgewicht!
Wichtig: Die Übungen sollten zunächst in einer sicheren Umgebung und bei Bedarf mit einer stabilen Möglichkeit zum Festhalten durchgeführt werden. Bei ausgeprägtem Schwindel oder erhöhter Sturzgefahr sollten sie therapeutisch angeleitet werden.
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