Wenn Sport nicht glücklich macht. Warum intensive Belastung manchmal Histamin statt Dopamin in den Vordergrund rückt.
Sport gilt als gesund, leistungsfördernd und stimmungsaufhellend. Viele kennen das gute Gefühl nach einer Trainingseinheit und verbinden es mit Dopamin, Endorphinen oder dem sogenannten “Runner`s High”. Doch nicht jeder erlebt Sport so. Manche Menschen fühlen sich nach intensiver Belastung schwindlig, kreislaufschwach oder benommen. Andere berichten über Herzrasen, Übelkeit, Kopfdruck oder das Gefühl, als würde ihr Körper nach dem Training “zusammenklappen”.
Warum passiert das? Nicht jede Belastung wird vom Körper gleich bewertet. Bewegung aktiviert zahlreiche Botenstoffe gleichzeitig. Welche davon im Vordergrund stehen, hängt vor allem davon ab, wie der Körper die Belastung bewertet. Wird Training als gut dosierter Reiz wahrgenommen, profitieren wir langfristig unter anderem von einer verbesserten Regulation des Dopamin-Systems. Dopamin unterstützt Motivation, Antrieb und das Gefühl von Belohnung, einer der Gründe, warum regelmäßige Bewegung oftmals so gut für Körper und Psyche ist. Wird die Belastung jedoch als zu intensiv oder als zusätzlicher Stress empfunden, verschiebt sich der Schwerpunkt. Dann dominieren zunächst Stressreaktionen mit Adrenalin, Cortisol und bei manchen Menschen auch mit einer vermehrten Histaminfreisetzung. Die positiven Effekte des Belohnungssystems treten dabei häufig in den Hintergrund.
Histamin, weit mehr als ein Allergiestoff
Histamin ist vielen nur aus dem Zusammenhang mit Allergien bekannt. Tatsächlich erfüllt es im Körper zahlreiche wichtige Aufgaben. Es erweitert Blutgefäße, beeinflußt den Blutdruck, erhöht die Durchlässigkeit der Gefäße und wirkt direkt auf das Nervensystem. Außerdem spielt es eine Rolle bei Entzündungsprozessen und kann die Aktivität des Gleichgewichtssystems beeinflussen.
Bei intensiver körperlicher Belastung können Mastzellen Histamin freisetzen. Für die meisten Menschen ist das unproblematisch. Wer jedoch empfindlich auf Histamin reagiert oder eine erhöhte Mastzellaktzivität hat, kann Beschwerden entwickeln.
Warum entstehen Schwindel und Kreislaufprobleme? Histamin Erweiterung die Blutgefäße, dadurch kann der Blutdruck vorübergehend absinken. Gleichzeitig wird während des Sports viel Blut in die arbeitende Muskulatur umverteilt. Diese Kombination kann dazu führen, dass das Gehirn und das Gleichgewichtssystem kurzfristig schlechter versorgt werden. Typische Beschwerden sind:
- Schwindel
- Benommenheit
- Schwarzwerden vor Augen
- Herzrasen
- Übelkeit
- Kreislaufschwäche
Hinzu kommt, das Histamin auch direkt auf Bereiche des Innenohrs und des Gehirns wirkt, die an der Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen beteiligt sind. Dadurch können Schwindel und Unsicherheitsgefühle zusätzlich verstärkt werden.
Wer reagiert besonders empfindlich? Nicht jeder Organismus verarbeitet körperliche Belastung gleich. Häufiger betroffen sind Menschen mit:
- Histaminintoleranz oder eingeschränktem Histaminabbau
- Mastzellaktivierung
- Migräne
- Long-Covid
- ME/CFS
- Dysautonomie oder Posturales Tachykardiesyndrom (POTS)
- chronischem Stress oder Schlafmangel
Für sie kann eine Trainingseinheit, die für andere völlig normal ist, bereits eine deutliche Stressreaktion auslösen.
Was bedeutet das für`s Training?
Es geht nicht darum auf Sport bzw. Bewegung zu verzichten. Wichtiger ist es, die Belastung so zu wählen, dass der Körper sie als Trainingsreiz und nicht als Bedrohung wahrnimmt. Denn genau dort entstehen langfristig die positiven Anpassungen, sowohl für das Herz-Kreislauf-System als auch für das Nervensystem.
Hilfreich sind häufig:
- ein langsamer Belastungsaufbau
- regelmäßige Pausen
- ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytversorgung
- überwiegend moderates Training
- die Beachtung individueller Warnsignale
- bei entsprechender Empfindlichkeit eine angepasste Ernährung rund um intensive Belastungen
Sport soll den Körper fordern, aber nicht überfordern. Die entscheidende Frage ist deshalb, kann der Körper einen intensiven Trainingsreiz verarbeiten? Ist das der Fall, profitieren wir langfristig von einer besseren Regulation des Dopamin-Systems und den bekannten positiven Effekten auf Gesundheit und Wohlbefinden. Ist die Belastung dagegen zu hoch oder passt sie nicht zur aktuellen Belastbarkeit, können zunächst Stressreaktionen und bei manchen Menschen auch Histamin-vermittelte Prozesse überwiegen. Schwindel, Kreislaufprobleme oder Unwohlsein sind dann keine Zeichen mangelnder Fitness, sondern Hinweise darauf, dass der Körper mehr Belastung erlebt hat, als er in diesem Moment gut regulieren konnte.
Gerade deshalb lohnt es sich, Training individuell anzupassen, denn das beste Training ist jenes, das den Körper stärker macht, ohne ihn zu überfordern.
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