Warum der Supermarkt Schwindel auslösen kann!

Wenn das Gehirn von zu vielen Sinneseindrücken überfordert ist! Schwindel im Supermarkt oder in Menschenmengen? Erfahre, warum das Nervensystem dabei eine wichtige Rolle spielt und welche Therapieansätze hilfreich sein können.

“Im Wald gehts mir gut, aber sobald ich in den Supermarkt gehe, wird mir schwindlig.” Diesen Satz höre ich in meiner Praxis immer wieder. Viele Betroffene berichten, dass Ihnen in Einkaufszentren, Supermärkten, auf Bahnsteigen oder in Fußgängerzonen plötzlich unwohl und unsicher wird. Manche fühlen sich wie auf einem schwankenden Schiff. Andere beschreiben Benommenheit, ein Wattegefühl im Kopf oder das Gefühl, den Boden nicht mehr richtig wahrzunehmen.

Unser Gehirn verarbeitet Millionen von Informationen! Damit wir uns sicher bewegen können, vergleicht unser Gehirn ständig Informationen aus verschiedenen Sinnessystemen:

  • den Augen
  • dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr
  • der Tiefensensibilität aus Muskeln und Gelenken
  • dem Tastsinn der Füße
  • dem vegetativen Nervensystem

Erst wenn diese Informationen gut zusammenpassen, entsteht das Gefühl von Stabilität und Sicherheit.

Warum gerade der Supermarkt?

Ein Supermarkt ist für unser Gehirn eine echte Herausforderung. Überall bewegen sich Menschen. Einkaufswagen kreuzen unseren Weg. Regale ziehen in unserem Blickfeld vorbei. Leuchtstoffröhren, Schilder, bunte Verpackungen und wechselnde Lichtverhältnisse erzeugen eine enorme Menge an visuellen Reizen. Beim Gehen entsteht zusätzlich ein sogenannter optischer Fluß (optik flow). Damit ist das Bewegungsmuster gemeint, das wir wahrnehmen, wenn wir uns durch unsere Umgebung bewegen. Unser Gehirn nutzt diese Information normalerweise ganz selbstverständlich, um Geschwindigkeit, Richtung und Körperhaltung zu steuern. Ist das Gleichgewichtssystem jedoch besonders empfindlich oder befindet sich das Nervensystem nach einer Schwindelerkrankung noch im Alarmmodus, kann diese Reizmenge zu viel werden. Das Gehirn versucht dann, jede Bewegung besonders genau zu kontrollieren.  Dadurch wird das gesamte System noch empfindlicher, und Sicherheit wird dann zur Daueraufgabe.

Unser Nervensystem hat eine wichtige Aufgabe: Es möchte uns schützen. Hat es einmal erlebt, dass Schwindel bedrohlich war, beginnt es häufig, die Umgebung besonders aufmerksam zu überwachen. Es sucht ständig nach möglichen Gefahren oder Unsicherheiten. Das kann dazu führen, dass normale Sinneseindrücke plötzlich überwältigend empfunden werden. Je mehr Aufmerksamkeit auf den Schwindel gerichtet wird, desto intensiver werden die Symptome wahrgenommen. Es entsteht ein Kreislauf:

Viele Reize – erhöhte Aufmerksamkeit – Anspannung – stärkere Schwindelwahrnehmung – noch mehr AufmerksamkeitBild

(Illustration KI-gestützt erstellt und fachlich geprüft)

Dagegen ist Ruhe oft angenehmer. Auch in der  Natur fühlen sich viele wohler. Wälder, Parks oder ruhige Wege bieten meist gleichmäßigere Bewegungsmuster, weniger visuelle Reize und mehr Orientierungsmöglichkeiten. Das Gehirn muß deutlich weniger Informationen gleichzeitig verarbeiten und kann seine Ressourcen besser nutzen. Der Supermarkt ist nicht gefährlich und gilt nicht zu vermeiden, sondern das Nervensystem muss dort mehr leisten und filtern.

Und das kann man trainieren!

Unser Gehirn bleibt ein Leben lang lernfähig. Diese Fähigkeit nennt man Neuroplastizität. Das Gehirn lernt Schritt für Schritt, Reize wieder als sicher einzuordnen. Dabei können, je nach individueller Situation, verschiedene Übungen hilfreich sein:

  • gezieltes Training der Augenbewegungen
  • Verbesserung der Blickstabilisierung
  • Gleichgewichtstraining bzw. Balancetraining
  • Übungen für die Körperwahrnehmung
  • Atemtechniken zur Regulation des vegetativen Nervensystems
  • Neurozentriertes Training, das gezielt die Zusammenarbeit der verschiedenen Sinnessysteme fördert

Mein Tipp für den nächsten Einkauf: Wenn du bemerkst, dass dir im Supermarkt schwindlig wird, dann:

  • gehe bewusst langsam
  • richte den Blick immer wieder auf einen ruhigen Punkt
  • lass den Atem ruhig fließen
  • nimm den Kontakt deiner Füße zum Boden wahr
  • mach dir bewusst: Dein Nervensystem reagiert gerade empfindlich, das bedeutet nicht, das Gefahr besteht.

Allein dieses Verständnis kann helfen, den inneren Alarm etwas zu reduzieren.

Schwindel in Supermärkten oder anderen reizintensiven Umgebungen ist ein häufiges Phänomen, insbesondere nach Schwindelerkrankungen oder bei funktionellem Schwindel (PPPD), siehe hier auch meinen anderen Blogtext: Funktioneller Schwindel! Wenn der Schwindel bleibt, obwohl alles unauffällig ist!

Die Beschwerden sind keine Einbildung. Sie entstehen durch eine vorübergehend veränderte Verarbeitung von Sinnesinformationen und ein Nervensystem, das besonders wachsam geworden ist.

Mit einer sorgfältigen Diagnostik, einer individuell abgestimmten Therapie und gezieltem Training kann das Gehirn lernen, diese Reize wieder besser einzuordnen. Schritt für Schritt entsteht so häufig wieder mehr Sicherheit im Alltag und der Einkauf wird wieder zu dem, was er sein sollte, eben nur ein Einkauf.

Siehe hierzu auch: Plötzlich Schwindel? Das solltest du jetzt tun!

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