Funktioneller Schwindel! Wenn der Schwindel bleibt, obwohl alles unauffällig ist!

Funktioneller Schwindel (PPPD) Wenn das Nervensystem in Alarmbreitschaft bleibt!

Viele Menschen erleben nach einer Schwindelerkrankung eine große Erleichterung, wenn die Ursache gefunden und behandelt wurde. Doch was, wenn der Schwindel trotzdem bleibt ? Wenn MRT, Blutwerte, Gleichgewichtsorgan oder neurologische Untersuchungen unauffällig sind und dennoch fühlt sich jeder Tag unsicher an?

Eine mögliche Erklärung kann ein funktioneller Schwindel, auch Persistierender-Postural-Perzeptiver Schwindel oder früher Posturaler Phobischer Schwankschwindel genannt, sein.

Was ist PPPD?

PPPD ist keine Einbildung und auch keine Schädigung des Gehirns oder des Gleichgewichtsorgans. Vielmehr handelt es sich um eine Störung der Verarbeitung von Gleichgewichtsinformationen. das Gehirn befindet sich gewissermaßen in einem dauerhaften “Vorsichtsmodus”. Häufig entwickelt sich PPPD nach einem akuten Ereignis, wie:

  • Lagerungsschwindel
  • akute Vestibulopathie
  • Gehirnerschütterung
  • längere Erkrankung, wie Long Covid
  • Phase mit starkem Stress oder hoher psychischer Belastung

Obwohl die ursprüngliche Ursache längst abgeklungen sein kann, bleibt das Nervensystem in erhöhter Alarmbereitschaft.

Das Nervensystem als Schlüssel: Unser Gehirn bewertet in jeder Sekunde, ob wir sicher sind oder ob eine Gefahr besteht. Dafür verarbeitet es Informationen aus den Augen, dem Gleichgewichtsorgan, den Muskeln und Gelenken sowie aus dem vegetativen Nervensystem. Nach einer Schwindelerkrankung kann dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht geraten. Das Gehirn beginnt, die Umgebung intensiver zu überwachen. Bewegungen, Menschenmengen, Supermärkte oder große Räume werden plötzlich als anstrengend empfunden.

Jeder stärker der Körper auf mögliche Unsicherheit achtet, desto mehr Aufmerksamkeit richtet sich auf den Schwindel. Dadurch verstärken sich Unsicherheit, Anspannung und vegetative Symptome wie Herzklopfen, Benommenheit, oder das Gefühl, nicht richtig im Körper zu sein. Es entsteht ein Kreislauf: Schwindel – erhöhte Aufmerksamkeit – Anspannung – veränderte Wahrnehmung – noch mehr Schwindel.

Das bedeutet nicht, dass der Schwindel psychisch ist. Die Beschwerden sind real. Sie entstehen durch eine veränderte Regulation und Verarbeitung im Nervensystem.

Wie wird PPPD diagnostiziert?

Die Diagnose wird nicht durch ein MRT oder eine Blutuntersuchung gestellt. Vielmehr basiert sie auf einer sorgfältigen ärztlichen Diagnostik. Zunächst sollten mögliche körperliche Ursachen ausgeschlossen oder behandelt werden. Je nach Beschwerden können Untersuchungen beim Hausarzt, HNO-Arzt, Neurologen oder in einem Schwindelzentrum sinnvoll sein.

Typisch für PPPD sind unter anderem:

  • Schwindel oder Schwankschwindel an den meisten Tagen über mindestens drei Monaten
  • Zunahme der Beschwerden bei aufrechter Körperhaltung, also Stehen oder Gehen
  • Zunahme der Beschwerden in visuell komplexen Umgebungen, beispielsweise im Supermarkt oder auf Bahnhöfen
  • Verbesserung bei körperlicher Aktivität  und mentaler Distraktion
  • objektiv schwierige Gleichgewichtsaufgaben sind besser durchführbar als einfache
  • Häufig begann der Schwindel nach einer anderen Schwindelerkrankung  oder einer belastenden Lebensphase

Nicht selten bestehen gleichzeitig Angst vor erneutem Schwindel oder ein zunehmendes Vermeidungsverhalten. Diese Reaktionen sind verständlich, Sie können jedoch dazu beitragen, dass das Nervensystem  den Alarmmodus aufrecht erhält.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Das Nervensystem ist anpassungsfähig. Es kann lernen, Reize wieder angemessen einzuordnen. Ein wichtiger Baustein ist zunächst das Verständnis der Erkrankung. Wer weiß, warum die Symptome entstehen, erlebt häufig  bereits eine erste Entlastung.  Je nach individueller Situation können verschiedene therapeutische Ansätze sinnvoll sein:

  • Schwindeltraining, genannt Vestibuläres-Reha-Training (VRT), siehe Therapie gegen Schwindel
  • Neurozentriertes Training, siehe Körpertherapie
  • gezieltes Gleichgewichtstraining
  • Training der Augenbewegung und Blickstabilisierung
  • Atem- und Entspannungsverfahren zur Regulation des vegetativen Nervensystems
  • Psychotherapie, Verhaltenstherapie, wenn Angst oder Vermeidung eine große Rolle spielen
  • regelmäßiger Sport

Entscheidend ist, dass die Therapie individuell angepasst wird. Nicht jede Übung ist für jeden Menschen gleichermaßen geeignet. Deshalb sollte zunächst untersucht werden, welche Sinnesorgane gut arbeiten und welche das Gehirn unter- oder überbewertet.

Mein Ansatz in der Praxis:

In meiner Praxis betrachte ich Schwindel immer ganzheitlich. Neben einer ausführlichen Anamnese untersuche ich unter anderem das Zusammenspiel von Gleichgewicht, Augen, Halswirbelsäule, Körperwahrnehmung und Nervensystem. Im Neurozentrierten Training geht es darum, dem Gehirn wieder sichere und gut verarbeitbare Informationen anzubieten. Kleine, gezielt ausgewählte Übungen können dazu beitragen, die Verarbeitung sensorischer Reize zu verbessern und das Sicherheitsgefühl des Nervensystems zu fördern.

Dabei steht nicht das “Wegtrainieren” des Schwindels im Vordergrund, sondern die Verbesserung der Regulation und der Belastbarkeit des gesamten Systems.

Funktioneller Schwindel (PPPD) ist eine häufige Ursache für anhaltende Schwindelbeschwerden, besonders dann, wenn keine strukturelle Ursache mehr gefunden wird. Die Beschwerden sind real und können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig gibt es heute gute Möglichkeiten, das Nervensystem dabei zu unterstützen, wieder Vertrauen in Bewegung  und Gleichgewicht zu gewinnen.

Ein individuell abgestimmtes Behandlungskonzept kann helfen, den Kreislauf aus Unsicherheit, Anspannung und Schwindel Schritt für Schritt zu durchbrechen.

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