Der VOR-Cancel beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, den Gleichgewichtsreflex situationsabhängig anzupassen. Er ist wichtig, wenn Augen und Kopf bewusst gemeinsam bewegt werden. Bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen kann diese Regulation verändert sein.
Unser Gleichgewichtssystem ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Augen, Innenohr, Nacken und Gehirn. Einer der wichtigsten Mechanismen dabei ist der Vestibulo-Okuläre-Reflex (VOR). Er sorgt dafür, dass wir trotz Kopfbewegungen stabil sehen können.
Doch es gibt Situationen, in denen genau dieser Reflex bewusst abgeschwächt oder “aufgehoben” werden muss. Hier kommt der VOR-Cancel (VOR-C) ins Spiel.
Was bedeutet VOR-Cancel?
Normalerweise funktioniert der VOR automatisch:
Bewegt sich der Kopf nach rechts, bewegen sich die Augen reflexartig nach links, das Bild auf der Netzhaut bleibt stabil.
Beim VOR-C passiert etwas anderes, Kopf und Augen bewegen sich gemeinsam in dieselbe Richtung.
Ein einfaches Alltagsbeispiel:
Du hältst ein Buch vor dich und drehst Kopf und Buch gemeinsam nach rechts oder links. Damit der Text lesbar bleibt, muss der VOR kurzfristig ausgeschaltet oder angepasst werden.
Das Gehirn entscheidet also: “In dieser Situation ist es sinnvoll den Reflex zu dämpfen.”
Wann wird der VOR-C eingesetzt?
Der VOR-C wird immer dann benötigt wenn:
- Augen und Kopf bewusst gemeinsam bewegt werden
- wir einem Objekt folgen, das sich mit uns mitbewegt
- visuelle Kontrolle wichtiger ist als automatische Stabilisierung
Typische Situationen sind:
- eine Strasse überqueren
- lesen oder schreiben am Bildschirm, während leichter Kopfbewegung
- verfolgen eines Objekts, z.B. beim Sport, Ball
- gezielte Blicksteuerung bei Bewegung
Der VOR-C ist also kein Fehler, sondern eine hochintelligente Anpassung des Nervensystems.
Ein gesundes Nervensystem kann:
- den VOR aktivieren, wenn Stabilität gebraucht wird
- den VOR dämpfen, wenn flexible Blicksteuerung erforderlich ist
Flexibilität ist das Ziel, nicht maximale Reflexstärke!
Das Gehirn vergleicht Informationen aus Auge, Gleichgewichtsorgan und Bewegung. Es passt die Reflexantwort in Echtzeit an. Sicherheit und Orientierung stehen dabei im Vordergrund. Wenn diese Abstimmung gestört ist, kann das zu Unsicherheit führen.
Welche Rolle spielt der VOR-C bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen?
Bei vielen Menschen mit Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen ist nicht nur der VOR selbst verändert, sondern auch die Fähigkeit, ihn gezielt zu dämpfen.
Mögliche Folgen sind:
- visuelle Überforderung
- Schwindel bei bewegten Umgebungen
- Unsicherheit beim Lesen oder Arbeiten in Bewegung
- das Gefühl, den Blick nicht stabil halten zu können
Das Nervensystem reagiert dann oft mit:
- Vermeidung
- erhöhter Spannung
- vorsichtiger Bewegung
Nicht weil etwas kaputt ist, sondern weil Sicherheit fehlt.
Im Neurozentrierten Training geht es darum, dem Gehirn bessere und klarere Informationen zu liefern.
VOR-C Übungen können helfen:
- die Zusammenarbeit von Augen und Gleichgewichtssystem zu verbessern
- visuelle Sicherheit in Bewegung aufzubauen
- Überreizung zu reduzieren
- Vertrauen in Bewegung zurückzugewinnen
Dabei gilt: Mehr Reiz ist nicht besser, sondern der passende Reiz ist entscheidend, immer individuell angepasst. Das Ziel ist die Regulation!
Der VOR-C zeigt, wie intelligent und anpassungsfähig unser Nervensystem ist. Er erlaubt uns, zwischen Stabilität und Flexibilität zu wechseln, je nachdem, was die Situation erfordert.
Bei Schwindel und Gleichgewichtsstörungen lohnt es sich, genau diese Fähigkeit wieder gezielt anzusprechen. Nicht mit Druck, sondern mit Verständnis für das Nervensystem.
Denn Gleichgewicht bedeutet Koordination und Sicherheit!
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